Kontaktloses Sternsingen 2021. –
Nachfragen und Anmerkungen

Foto: PJD

Das Brauchtum des  Dreikönigsfestes nach Weihnachten weckt Erinnerungen an die Sternsinger-Zeit in der Pfarre meines Heimatortes. Mütter hatten mit uns Kindern Königs-Kronen aus Pappkarton gebastelt und Königs-Gewänder aus Stoffresten und alten Vorhängen genäht. Da eine Person des Dreigestirns den „schwarzen“ Erdteil verkörpern sollte, musste Ruß aus dem Kamin herhalten, um aus einem Blondschopf einen „Neger“ zu  machen. Was heute als verleumderisch und ehrverletzend gilt, war noch kein strafwürdiges Vergehen.

In der Schule hatte ich heimlich Kreidestücke eingesteckt. Auf Türen und Tore sollten wir Segenssprüche kritzeln. Unsere Klasse war nicht mit Computern und Internet-Zugang gesegnet. Wir nutzten Schiefertafeln. Auf Kreide-Stücke warf ich daher ein Auge. Das eine oder andere Objekt landete in meiner Hosentasche.

Den Leuten im Dorf wurde nicht mitgeteilt, dass Sternsinger unterwegs waren. Sie wussten es. Wir Kinder benötigten keine Besuchs-Erlaubnis, sondern  wurden erwartet. Niemand fragte nach Gründen für eine bewährte Tradition. Der Segensgruß „Christus segne dieses Haus“ traf nicht auf die Geringschätzung von Menschen, für die er heute vielfach seine Üblichkeit verloren hat.

In einigen Häusern war der Tisch für das Dreigestirn gedeckt. Heiße Schokolade gab es, manchmal auch Kuchen. Das Leben kannte keinen Überfluss. Dennoch landeten süße und sonstige Gaben in Taschen und Tüten als Marschverpflegung. Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende.  Sternsingen war fröhliche Begegnung zwischen Sternsingern und Familien. Es war heiteres, frommes Spiel.

Heute, in Zeiten des Lockdowns, ist das anders.

„In der jetzigen Situation empfehlen wir Ihnen, auf einen Besuch der Sternsinger an der Haustür zu verzichten.“ Eine Information des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“. Daher lauten Ankündigungen eines  hiesigen Pfarrgemeindeverbandes so:

„Wir verzichten in der Verantwortung für die Sicherheit aller Beteiligten auf einen Besuch der Sternsinger an der Haustür. Wir setzen auf kontaktloses Sternsingen.“

„Wir haben Segenstütchen vorbereitet, die ab dem 2.1.2021 während der Offenen Kirche und im Pfarrbüro zum Mitnehmen bereitgestellt werden. Die Tütchen beinhalten einen Segensstreifen zum Aufkleben, einen Segens-Text und die Kontonummer der Pfarrgemeinde.“  Von „Singen“ natürlich keine Rede. Wäre auch schwierig mit Mund- und Nasenschutz.

„Sie können wählen, ob Sie die Sternsingeraktion mit einer Barspende (im Segenstütchen oder in einem verschlossenen Umschlag), die Sie im Pfarrbüro abgeben oder ins Kollekten-Körbchen in der Kirche legen oder mit einer Überweisung auf das angegebene Konto unterstützen möchten. Auf Wunsch können Spendenquittungen ausgestellt werden.“

Die neue „Sternsinger-App“ wird empfohlen. „Wir geben Ihnen Tipps und bieten Materialien, wie Sie Sternsinger und wichtige Unterstützer gewinnen und motivieren können. Mit der Sternsinger-App ist das so einfach wie nie.“

„Die Sternsinger-Aktion 2021 wird bis zum 2.2.2021 verlängert. Bis dahin werden noch Tütchen ausliegen und Spenden angenommen.“ „Sagen Sie den Sternsingern, Helfern, Begleitern und Spendern nach der Aktion DANKE und geben Sie das Ergebnis bekannt.“ Knapp fünfzig Millionen Euro an Spenden sammelten Sternsinger bei der Aktion „Dreikönigssingen 2020“. Ob eine ähnliche Summe zustande kommt durch „kontaktlose Sternsinger-Aktionen“? Deswegen die Fristverlängerung?

„Heller denn je“ nennt sich das jetzige „Projekt zur Aktion Dreikönigssingen 2021“. Dessen Ziel heißt: Hilfe für Kinder von Arbeitsmigranten. „Eltern werden vermisst. Dieses Gefühl begleitet viele Kinder in der Ukraine jeden Tag, manchmal monatelang. Ihre Eltern müssen zum Arbeiten ins Ausland gehen, weil sie in der Ukraine keine Arbeit finden.“

Gerechtigkeitsgefühle sollen geweckt werden, die auf ungerechte Verhältnisse in der Welt hinweisen. Nicht alle Kinder werden das nachvollziehen können. Projekte, die mit Spenden aus der Aktion Dreikönigssingen gefördert werden, durchlaufen ein Genehmigungsverfahren. In der Regel haben Projekte eine Laufzeit von drei Jahren. Über eine Förderung entscheidet eine „Vergabekommission“. Zu Förderbereichen zählen Bildung, soziale Integration, Gesundheit, Pastoral, Ernährung, Nothilfe, Kindesschutz.

Seit meiner Sternsinger-Vergangenheit ist viel Sand durch die Sternsinger-Uhren gelaufen. Daher seien einige Bemerkungen und Nachfragen gestattet.

Wir waren als Sternsinger unterwegs, nicht als Kontakt vermeidende  Spenden-Sammler für einen „guten Zweck“. Wir freuten uns über offene Türen. Wir genossen die in Wort und Tat zum Ausdruck kommende, gegenseitige Verbundenheit. Wir verteilten keine Segensstreifen, sondern waren selbst Segenspender. War es unverzeihlich, dass unser Sternsingen nicht gesellschaftlichen oder anderen Zwecken diente? Süßigkeiten und Gaben, die wir erhielten, waren uns zugedacht. Wir mussten sie nicht wegen Armut und Ungerechtigkeiten in der Welt, die vermutlich nicht geringer waren als heute, mit jedermann teilen.

Ich bin nicht sicher, ob ich heute mitmachen würde.

1 Kommentar zu "Kontaktloses Sternsingen 2021. –
Nachfragen und Anmerkungen"

  1. Den Worten von Peter Joef Dickers kann ich nur beipflichten. Wir hatten schon lange im Flur auf einem Schränkchen Geld und einzeln verpackte Süßigkeiten bereitliegen und haben uns auf die Sternsinger vorbereitet. Als unsere Kinder noch Schulkinder waren, sind sie gerne als Sternsinger gegangen und wir, die Eltern, haben auch als begleitende Erwachsene mitgemacht. In diesem Jahr wurden wir allerdings per E-Mail aufgefordert eine Spende online zu tätigen, wegen der Corona Ansteckung. Den Aufkleber könnten wir uns in der Kirche abholen oder auch den Segensspruch selbst an unsere Tür schreiben. Bei allem Verständnis für die zur Zeit ernste Lage waren wir doch sehr enttäuscht. Wir haben dann unser Spende per „online“ getätigt.
    Wilhelm und Ursula Pralat

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