Kategorie: Lese-Ecke
Peter Josef Dickers
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Beredtes Schweigen
Fast vierzig Jahre sind vergangen, seit ich Verwandte, Bekannte und Freunde wissen ließ: „Unser Erzbischof wird mich in diesen Tagen von den Aufgaben des priesterlichen Dienstes entpflichten. Ich teile es mit, ehe es offiziell verlautet. Meine Bitte ist es, mein Ausscheiden aus dem Amt als Gewissensentscheidung zu akzeptieren.“ Ich wollte sie informieren, wenn auch nur…
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Das musst du wissen
Wenn man eine Entscheidung treffen will und sie dann nicht trifft, hat man sich auch entschieden. So ging ich nicht vor. Ich wollte mich nicht dispensieren von meinem Handeln-Müssen. Meine priesterliche Tätigkeit, die ich zwölf Jahre lang ausgeübt hatte, wollte und konnte ich nicht fortsetzen. Ich war jedoch bestrebt, das Heft des Handelns in der…
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Katholisches Profil
Wie kam die Nachricht bei denen an, die sich im Laufe meiner Dienstjahre gelegentlich kritisch geäußert hatten? „Ich möchte heute auf die hl. Messe zurückkommen, die Sie mit uns feierten.“ Ich hatte mit jungen Ehepaaren ein Wochenende verbracht und Gottesdienst mit ihnen gefeiert. Der Briefschreiber gehörte mit seiner Familie dazu. Er wolle mich nicht verletzen…
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Verwirrung
Die Gemeinde, in der ich aufgewachsen war, und die Familie, die meinen Weg zum Priestertum unterstützt hatte, schwebten nicht im siebten Himmel, als die Nachricht von meiner Laisierung von Mund zu Mund durch das Dorf gereicht wurde. Das durfte nicht wahr sein. Ein Ereignis, mit dem nicht zu rechnen war. Eine Enttäuschung, auf die man…
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Verständnis
Es würden sich keine Abgründe auftun, wenn ich den priesterlichen Dienst quittierte. Ich vertraute darauf, auf meinem künftigen Weg Begleiter zu haben. Ein Kreis junger Familien gehörte dazu. Da wir uns seit vielen Jahren in einer Gesprächsrunde trafen, wussten wir voneinander, vertrauten einander. Ihre Briefe, ihre Worte machten mir Mut: „Der von Ihnen gefasste Entschluss…
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Fliegen
An den Felswänden des Westufers der Insel Helgoland vollzieht sich einmal im Jahr ein dramatischer Vorgang. Drei Wochen lang haben Lummen-Meeresvögel ihr Junges aufgezogen. Wenn es groß genug ist, verlocken die Eltern es, sich aus der sicheren Nische an der Steilküste dreißig bis vierzig Meter tief ins Wasser zu stürzen. Einige kommen dabei um. Aber…
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Im Einvernehmen mit der Kirche
Ich hätte die Laisierung ablehnen und zivilrechtlich heiraten können. Laut Kirchenrecht hätte ich damit meine priesterlichen Funktionen aufgegeben. Andere handelten oder handeln so. In eine nicht nach kanonischem Recht geschlossene, klandestine Ehe zu flüchten, kam nicht in Frage. Verlegenheits-, Verlogenheits-Lösungen lehnten wir ab. Wir wollten nicht in luftleeren, kirchenfernen Räumen leben. Unser Leben sollte von…
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Dispens aus Rom
Der Sakristan schrieb wieder. Mit ihm eigenen Worten äußerte er seine Wertschätzung. „Wat mäht dä Kaplon noch?“ werde er gefragt. „Hatt’r nicks mieh van däm jehoht? Schaat, dä kunnt jot prädije, dä wor nit zebang jett ze sage. Un met de Jugend hatt’et ärch.“ Die damit ausgesprochene Sorge, dass man nichts mehr von mir höre…
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Plädoyer für die Schutzzone Zölibat
Für den Prälat bedeutete das eine Herausforderung. Das war ihm anzumerken. Es war bewundernswert, wie er damit umging. Billigte er mir ein bisschen Unschuld zu? Können Priester mit Erfahrungen in Sachen Liebe besondere Spiritualität vermitteln? Was ist nach Immanuel Kant moralisch? Solche Fragen standen nicht zur Debatte. Auch nicht die Vermutung des amerikanischen Schriftstellers Henry…
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Frei werden wollen
Vor einem erneuten Lokaltermin im Generalvikariat formulierte ich ein Schreiben an „Seine Eminenz, den Hochwürdigsten Herrn Präfekten der Congregatio Pro Doctrina Fidei“ in Rom. Vier Jahre später wurde Joseph Kardinal Ratzinger von Papst Johannes Paul II. zum Präfekten dieser Kongregation berufen. Für mich war sie dennoch eine anonyme, geheimnisumwitterte Instanz, deren Verfügungsmasse ich dem Anschein…
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Ein Erzbischof als Glücksfall
Der Erzbischof bat mich zum Gespräch. Er nahm sich Zeit und erwies sich als Autorität, als angenehmer Gesprächspartner. Er war kein Freund langatmiger Diskussionen. Salbungsvolles Geschwätz war nicht zu befürchten. Kein oberhirtliches Allmachtgebaren, kein Besser- oder Alleswissen. Der Erzbischof ließ sich auf meine konkrete Situation ein. Seinen Priestern wolle er Freude am Glauben vermitteln und…
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Fürsorgepflicht
Meine Bitte um Dispens hatte noch eine andere Konsequenz zur Folge. Gekündigt wurde vom Erzbistum meine Dienst-Wohnung, die mir bisher bereitgestellt worden war. Man legte mir nahe, mich um einen Wohnsitz außerhalb der bisherigen Gemeinde zu bemühen, stellte mir aber einen Zuschuss zu den Umzugskosten zur Verfügung.. „Sacerdos matrimonio iunctus abesse debet a locis in…
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Entscheidung nach Aktenlage
Andere Fächer hätte ich unterrichten können, aber deren Inhalte kamen außerhalb von Schule in meinem Alltag nicht in gleicher Weise vor wie Grundthemen christlichen Glaubens und Lebens. Ich fühlte mich in ihnen nicht heimisch. Ihre Inhalte waren mir weithin fremd. Ich wollte nicht in einem Umfeld unterrichten, in dem ich nicht wirklich zuhause war und…
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Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis
Mein Antrag auf Laisierung hatte den sofortigen Entzug der „Missio Canonica“, der kirchlichen Lehrerlaubnis zur Erteilung des Unterrichtsfaches Religionslehre im Schuldienst, zur Folge. War dem Erzbischof bewusst, dass er sich mit dieser Anordnung ein Eigentor schoss? War das, was rechtens ist, auch sinnvoll? Ab sofort entfiel die religiöse Unterweisung vieler Schüler und Schülerinnen an der…
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Unterschiedliche Wertvorstellungen
Zwei Jahre vor meinem Laisierungsgesuch hatte der Erzbischof uns, die zehn Jahre zuvor die Priesterweihe empfangen hatten, seinen Dank ausgesprochen „für den treuen Dienst, den Sie im vergangenen Jahrzehnt in der Kirche geleistet haben.“ Kritisch blickte der Bischof zurück. Mahnend schaute er nach vorn. „Die Lage der Kirche hat sich in diesen Jahren stark gewandelt.…
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Die feste Burg
Priesteramtskandidaten erbaten Tonsur, Subdiakonat- und Diakonat-Weihe, drei Stationen vor der Priesterweihe, „in tiefer Ehrfurcht“ von „Seiner Eminenz, dem Hochwürdigsten Herrn Kardinal“. Aus unserer Sicht keine unterwürfige Geste. Unseren Namen setzten wir unter ein Formblatt, das Ergebenheit und Huldigung des Adressaten für selbstverständlich hielt. Demütiges Gesuch, gnädig erwartete Antwort. Die Etikette sah es so vor. Gesellschaftliche…
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Einmal Priester – immer Priester
Dennoch wollte ich nicht zum Objekt willkürlicher Pendelbewegungen werden. Mein Gewissen hatte ich nicht an eine fremde Instanz delegiert. Diese sollte nicht entscheiden, was die Stunde für mich geschlagen hatte. Welche Druckmittel, welche Sanktionsmöglichkeiten hatte die Amtskirche mit ihrer intakten Befehlsstruktur, um mich weich zu klopfen, mich einzuschüchtern, mich zu überzeugen? Da ich gültig zum…
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Schwebezustand
Überraschenderweise schwankte mein Gemütszustand zwischen widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen, zwischen wollen und nicht wollen. Mich überraschte die eigene Ratlosigkeit. Die Pendeluhr geriet aus dem Takt. Die Souveränität, die ich mir eingeredet hatte, war dahin. Richtungslosigkeit und Verzagtheit drohten übermächtig zu werden. Ich befand mich im Schwebezustand: Annahme scheinbarer Aussichtslosigkeit des Verfahrens auf der einen, Durchhaltebereitschaft…


